Telemedizin bei Multipler Sklerose: Nur 15% würden digitale Betreuung als Standard akzeptieren

⏱️ 11 Min. Lesezeit 📅 2026 📖 JMIR mHealth and uHealth 👨‍🔬 Ekongefeyin S, Daniore P, Nittas V, Iaquinto S, Vallejo-Yagüe E et al. 🟠 Moderate Evidenz
📋 Studien-Steckbrief
427
Teilnehmer
2026
Jahr
C
Evidenz
🎯 PICO-Analyse
P
Population
Menschen mit Multipler Sklerose in der Schweiz
I
Intervention
Befragung zur Akzeptanz von Telemedizin als Standardbetreuung
C
Vergleich
Verschiedene Patientengruppen und Charakteristika
O
Ergebnis
Bereitschaft zur Akzeptanz von Telemedizin als Standard
📰 Journal JMIR mHealth and uHealth
👨‍🔬 Autoren Ekongefeyin S, Daniore P, Nittas V, Iaquinto S, Vallejo-Yagüe E et al.
💡 Ergebnis Niedrige Akzeptanz von Telemedizin als Standardbetreuung bei MS-Patienten
🔬 Studie

Telemedizin bei Multipler Sklerose: Nur 15% würden digitale Betreuung als Standard akzeptieren

JMIR mHealth and uHealth (2026)

Einführung

Stellen Sie sich vor, Sie leiden an Multipler Sklerose und müssten für jeden Arzttermin eine stundenlange Anreise auf sich nehmen – obwohl das Gespräch oft nur 15 Minuten dauert. Telemedizin könnte hier eine Revolution bedeuten, doch eine neue Schweizer Studie zeigt ein überraschendes Ergebnis: Nur etwa jeder sechste MS-Patient würde digitale Sprechstunden als Standardbetreuung akzeptieren. Diese niedrige Akzeptanzrate von 15,5 Prozent wirft wichtige Fragen über die Zukunft der neurologischen Versorgung auf und zeigt, dass der Weg zur digitalen Medizin komplexer ist als gedacht.

Hintergrund und Kontext

Multiple Sklerose ist eine chronische Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das körpereigene Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheiden – die isolierenden Hüllen um die Nervenfasern – angreift. Dies führt zu einer gestörten Weiterleitung von Nervensignalen und kann verschiedenste Symptome wie Sehstörungen, Lähmungserscheinungen, Koordinationsprobleme oder Fatigue verursachen. In der Schweiz leben etwa 15.000 Menschen mit dieser Erkrankung, die meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr diagnostiziert wird.

Die Betreuung von MS-Patienten erfordert regelmäßige Kontrolltermine, oft in spezialisierten neurologischen Zentren. Für viele Betroffene bedeutet dies nicht nur körperliche Anstrengung – besonders bei Mobilitätseinschränkungen –, sondern auch hohe Kosten und Zeitaufwand. Telemedizin, also die medizinische Versorgung über digitale Kommunikationswege wie Videotelefonie oder Telefonate, könnte hier eine Lösung bieten. Während der COVID-19-Pandemie erlebte die Telemedizin einen enormen Aufschwung, und viele Gesundheitssysteme integrierten digitale Sprechstunden in ihre Standardversorgung.

Doch wie steht es um die Akzeptanz bei den Patienten selbst? Während technische Machbarkeit und rechtliche Rahmenbedingungen intensiv diskutiert werden, war über die tatsächliche Bereitschaft von MS-Patienten, Telemedizin als Hauptbetreuungsform zu akzeptieren, bisher wenig bekannt. Gerade bei einer komplexen neurologischen Erkrankung wie MS, bei der körperliche Untersuchungen und die Beurteilung motorischer Funktionen eine wichtige Rolle spielen, stellt sich die Frage, ob Patienten digitale Konsultationen als gleichwertig zur Präsenzbetreuung empfinden.

Die Studie im Detail

Forscher der Universität Bern untersuchten diese Frage systematisch anhand von Daten aus dem Schweizer Multiple-Sklerose-Register, einer nationalen Datenbank, die seit Jahren wichtige Informationen über das Leben mit MS sammelt. An der Befragung nahmen 427 MS-Patienten teil – eine durchaus respektable Stichprobengröße für eine spezialisierte Patientengruppe. Die Teilnehmer repräsentierten verschiedene Krankheitsstadien und demografische Gruppen, was die Aussagekraft der Ergebnisse stärkt.

Die Wissenschaftler definierten “Telemedizin als Standard” sehr spezifisch: Es handelte sich um ein Versorgungsmodell, bei dem Fernkonsultationen per Telefon oder Videotelefonie die primäre Interaktionsform zwischen Patienten und Ärzten darstellen würden. Präsenztermine wären nur dann vorgesehen, wenn sie aus klinischer Sicht unbedingt notwendig sind – etwa für körperliche Untersuchungen oder bei akuten Verschlechterungen. Diese Definition ist wichtig, denn sie geht über gelegentliche Videosprechstunden hinaus und beschreibt einen fundamentalen Wandel in der Betreuungsstruktur.

Das zentrale Ergebnis war ernüchternd: Nur 66 der 427 Befragten, also 15,5 Prozent, zeigten sich bereit, Telemedizin als ihre Standardbetreuung zu akzeptieren. Noch überraschender war, dass von diesen 66 “Telemedizin-Befürwortern” lediglich 14 Personen – das entspricht 21,2 Prozent – überhaupt schon einmal Erfahrungen mit Telemedizin gesammelt hatten. Dies deutet darauf hin, dass die Bereitschaft zur Akzeptanz nicht zwangsläufig mit praktischer Erfahrung zusammenhängt, sondern eher auf grundsätzlichen Einstellungen und Erwartungen basiert.

Besonders interessant waren die Detailanalysen: Obwohl 335 der 427 Teilnehmer, also 78,5 Prozent, grundsätzlich digitalen Zugang zu ihren Gesundheitsdaten befürworteten, waren von diesen digital affinen Personen nur 57 – gerade einmal 17 Prozent – bereit, Telemedizin als Standard zu akzeptieren. Dies zeigt, dass digitale Offenheit nicht automatisch zu Telemedizin-Akzeptanz führt. Etwa ein Drittel der Befragten, nämlich 129 Personen, gab an, Unterstützung beim Umgang mit digitalen Geräten oder dem Internet zu benötigen. Interessanterweise waren auch in dieser Gruppe 17,1 Prozent zur Telemedizin-Akzeptanz bereit – ein ähnlicher Prozentsatz wie in der Gesamtstichprobe.

So wurde die Studie durchgeführt

Die Forscher wählten einen Querschnittsansatz – das bedeutet, sie befragten die Teilnehmer zu einem einzigen Zeitpunkt, anstatt sie über längere Zeit zu beobachten. Diese Methode eignet sich gut, um Einstellungen und Präferenzen zu einem bestimmten Thema zu erfassen, hat aber den Nachteil, dass sich Meinungen über die Zeit ändern können und nicht erfasst werden.

Die Datenerhebung erfolgte über standardisierte Fragebögen im Rahmen des etablierten Schweizer MS-Registers. Dieses Register ist eine wichtige Ressource für die MS-Forschung, da es langfristige Daten über Krankheitsverläufe, Behandlungen und Lebensqualität sammelt. Die Teilnahme ist freiwillig, was sowohl Vor- als auch Nachteile hat: Einerseits stellen die Daten repräsentative Einblicke in die MS-Gemeinschaft dar, andererseits könnten bestimmte Patientengruppen unterrepräsentiert sein.

Ein methodischer Ansatz der Studie war die Verwendung des NASSS-Frameworks – ein etabliertes wissenschaftliches Modell zur Analyse der Akzeptanz digitaler Gesundheitstechnologien. NASSS steht für “Non-Adoption, Abandonment, Scale-Up, Spread, and Sustainability” und hilft Forschern dabei, die verschiedenen Faktoren zu verstehen, die darüber entscheiden, ob eine Technologie erfolgreich eingeführt und langfristig genutzt wird. Die Schweizer Forscher leiteten aus diesem Framework drei Schlüsselkonstrukte ab: digitale Kommunikationspräferenzen, Internetnutzung für die Suche nach Gesundheitsdienstleistern und Erfahrungen mit Telemedizin.

Zur statistischen Analyse verwendeten die Wissenschaftler multivariable logistische Regression – ein mathematisches Verfahren, das es ermöglicht, den Einfluss verschiedener Faktoren gleichzeitig zu betrachten und dabei zu berücksichtigen, dass diese sich gegenseitig beeinflussen können. So konnten sie beispielsweise untersuchen, ob das Alter einen Effekt auf die Telemedizin-Akzeptanz hat, auch wenn gleichzeitig der Bildungsgrad und die Krankheitsdauer berücksichtigt werden.

Stärken der Studie

Diese Schweizer Untersuchung weist mehrere methodische Stärken auf, die ihre Aussagekraft untermauern. Zunächst basiert sie auf einem etablierten, nationalen Register mit standardisierten Datenerhebungsverfahren. Das Schweizer MS-Register existiert seit Jahren und hat sich als zuverlässige Quelle für epidemiologische Daten bewährt. Die Verwendung bereits etablierter Strukturen reduziert das Risiko von Erhebungsfehlern und stellt sicher, dass die Teilnehmer repräsentativ für die Schweizer MS-Population sind.

Die Stichprobengröße von 427 Teilnehmern ist für eine spezialisierte Patientengruppe durchaus beachtlich. Multiple Sklerose ist eine seltene Erkrankung, und es ist oft schwierig, große Teilnehmerzahlen für Studien zu gewinnen. Die erreichte Stichprobengröße ermöglicht es, auch kleinere Effekte statistisch zu erfassen und verschiedene Untergruppen zu analysieren.

Methodisch überzeugend ist auch die theoriegeleitete Herangehensweise über das NASSS-Framework. Anstatt nur allgemeine Fragen zur Technologieakzeptanz zu stellen, strukturierten die Forscher ihre Untersuchung anhand eines etablierten wissenschaftlichen Modells. Dies erhöht nicht nur die Vergleichbarkeit mit anderen Studien, sondern liefert auch theoretisch fundierte Erkenntnisse über die Mechanismen der Technologieakzeptanz.

Besonders positiv ist die ehrliche und differenzierte Berichterstattung der Ergebnisse. Die Autoren verschweigen nicht, dass ihre ursprünglichen Hypothesen teilweise nicht bestätigt wurden, und sie diskutieren offen die unerwarteten Befunde. Diese wissenschaftliche Redlichkeit ist wichtig für das Gesamtverständnis des Forschungsfelds.

Einschränkungen und Grenzen

Trotz ihrer Stärken weist die Studie auch wichtige Limitationen auf, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen. Die gravierendste Einschränkung liegt im Studiendesign selbst: Als Querschnittsstudie erfasst sie nur eine Momentaufnahme der Einstellungen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Einstellungen zu neuen Technologien können sich jedoch schnell ändern, insbesondere wenn mehr Menschen praktische Erfahrungen sammeln oder sich gesellschaftliche Normen wandeln.

Ein weiteres wichtiges Problem ist die potenzielle Verzerrung der Stichprobe. Obwohl das MS-Register grundsätzlich repräsentativ ist, nehmen an Umfragen oft bestimmte Patientengruppen überproportional teil – typischerweise eher gebildete, technologieaffine oder besonders engagierte Personen. Dies könnte bedeuten, dass die tatsächliche Akzeptanz in der Gesamtpopulation der MS-Patienten noch niedriger ist als die in der Studie gemessenen 15,5 Prozent.

Die Studie erfasste auch keine konkreten Erfahrungen mit verschiedenen Telemedizin-Formaten. Die Definition “Telemedizin als Standard” ist relativ abstrakt, und es ist unklar, wie die Teilnehmer diese Vorstellung konkret interpretierten. Eine Person könnte sich unter Telemedizin ein kurzes Telefonat vorstellen, während eine andere an ausführliche Videokonferenzen mit Bildschirmübertragung denkt. Diese unterschiedlichen Vorstellungen könnten die Antworten systematisch beeinflusst haben.

Zeitlich betrachtet wurde die Studie in der Nachpandemie-Phase durchgeführt, als viele Gesundheitssysteme bereits Telemedizin-Erfahrungen gesammelt hatten. Dennoch hatten nur wenige Studienteilnehmer selbst praktische Erfahrungen gemacht. Dies deutet darauf hin, dass die Telemedizin-Implementierung in der neurologischen Versorgung möglicherweise langsamer verlief als in anderen medizinischen Bereichen, was die Ergebnisse beeinflussen könnte.

Schließlich konzentrierte sich die Studie ausschließlich auf die Patientenperspektive. Die Einstellungen und Erfahrungen der behandelnden Ärzte und anderer Gesundheitsfachkräfte blieben unberücksichtigt, obwohl diese entscheidend für die erfolgreiche Implementierung von Telemedizin-Programmen sind.

Was bedeutet das für Sie?

Wenn Sie selbst von Multipler Sklerose betroffen sind, bietet diese Studie wichtige Anhaltspunkte für Ihre persönlichen Gesundheitsentscheidungen. Das zentrale Ergebnis – dass nur etwa jeder sechste MS-Patient Telemedizin als Standard akzeptieren würde – bedeutet nicht, dass digitale Sprechstunden grundsätzlich ungeeignet sind. Vielmehr zeigt es, dass die Entscheidung sehr individuell getroffen werden sollte.

Die Studienergebnisse legen nahe, dass Ihre grundsätzliche Einstellung zu digitalen Technologien ein wichtiger Prädiktor für die Telemedizin-Akzeptanz ist. Falls Sie bereits jetzt das Internet nutzen, um nach Gesundheitsinformationen oder Ärzten zu suchen, oder falls Sie schon einmal digital mit Ihrem Behandlungsteam kommuniziert haben, könnten Sie eher von Telemedizin-Angeboten profitieren. Umgekehrt ist es völlig in Ordnung, wenn Sie Präsenztermine bevorzugen – Sie stehen damit nicht alleine da.

Besonders relevant ist der Befund, dass Patienten mit fortgeschrittenen Krankheitsformen, insbesondere sekundär progredienter MS, seltener bereit waren, Telemedizin zu akzeptieren. Dies könnte daran liegen, dass in späteren Krankheitsstadien häufiger körperliche Untersuchungen notwendig sind oder komplexere Symptome auftreten, die eine persönliche Beurteilung erfordern. Falls Sie sich in einem fortgeschritteneren Krankheitsstadium befinden, ist es daher besonders wichtig, dass Ihr Behandlungsteam eine flexible Kombination aus digitalen und persönlichen Terminen anbietet.

Die Tatsache, dass etwa ein Drittel der Studienteilnehmer Unterstützung bei der Nutzung digitaler Technologien benötigte, unterstreicht, wie wichtig entsprechende Hilfestellungen sind. Scheuen Sie sich nicht, bei Ihrem Behandlungsteam nach Schulungen oder technischer Unterstützung zu fragen, falls Sie Interesse an Telemedizin haben, aber unsicher im Umgang mit der Technik sind.

Wissenschaftlicher Ausblick

Die Ergebnisse dieser Schweizer Studie werfen mehrere wichtige Fragen für die zukünftige Forschung auf. Zunächst wäre es wertvoll, die Entwicklung der Einstellungen über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. Längsschnittstudien könnten zeigen, ob sich die Akzeptanz mit zunehmender Technologieverbreitung und mehr praktischen Erfahrungen verändert.

Ein weiterer wichtiger Forschungsbereich ist die Untersuchung verschiedener Telemedizin-Formate und deren spezifische Akzeptanz. Möglicherweise ist die niedrige Gesamtakzeptanz darauf zurückzuführen, dass die Befragten sehr unterschiedliche Vorstellungen von “Telemedizin als Standard” hatten. Studien, die konkrete Szenarien beschreiben – etwa monatliche Videosprechstunden ergänzt durch halbjährliche Präsenztermine – könnten differenziertere Einblicke liefern.

Besonders wichtig wäre auch die Einbeziehung der Ärzteperspektive. Die Bereitschaft der Behandelnden, Telemedizin anzubieten und als gleichwertig zur Präsenzbehandlung zu betrachten, ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Parallel dazu sollten auch gesundheitsökonomische Aspekte untersucht werden: Unter welchen Bedingungen ist Telemedizin kosteneffektiv, und wie können entsprechende Vergütungsstrukturen gestaltet werden?

Fazit

Die Schweizer Studie liefert einen wichtigen Realitätscheck für die Telemedizin in der MS-Versorgung. Die niedrige Akzeptanzrate von nur 15,5 Prozent für Telemedizin als Standardbetreuung zeigt, dass der Weg zur digitalen Transformation der neurologischen Versorgung komplexer und langwieriger sein wird als oft angenommen. Gleichzeitig identifiziert die Studie klare Faktoren, die mit höherer Akzeptanz verbunden sind: digitale Gesundheitskompetenz und weniger fortgeschrittene Krankheitsstadien. Diese Erkenntnisse können helfen, Telemedizin-Programme zielgruppenspezifisch zu entwickeln und dabei sowohl die Bedürfnisse technologieaffiner Patienten als auch die Präferenzen für traditionelle Betreuungsformen zu berücksichtigen. Die Evidenzqualität ist aufgrund der methodischen Limitationen als moderat einzuschätzen, liefert aber wichtige Grundlagen für die weitere Entwicklung patientenzentrierter Versorgungskonzepte.

Häufige Fragen

Bedeutet das niedrige Ergebnis, dass Telemedizin für MS-Patienten ungeeignet ist?

Nein, keineswegs. Die 15,5 Prozent Akzeptanz für Telemedizin als Standard bedeuten nicht, dass digitale Sprechstunden grundsätzlich ungeeignet sind. Vielmehr zeigt es, dass die meisten Patienten eine Kombination aus persönlichen und digitalen Terminen bevorzugen würden. Telemedizin kann durchaus sinnvoll sein – etwa für Routinegespräche, Medikamentenberatung oder bei eingeschränkter Mobilität. Die Studie hilft dabei, realistische Erwartungen zu entwickeln und Telemedizin dort einzusetzen, wo sie am meisten geschätzt wird, anstatt sie als universelle Lösung zu betrachten.

Warum waren MS-Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung weniger bereit, Telemedizin zu akzeptieren?

Die Studie zeigte, dass Patienten mit sekundär progredienter MS – einer fortgeschrittenen Form der Erkrankung – signifikant seltener bereit waren, Telemedizin als Standard zu akzeptieren. Dies ist medizinisch gut nachvollziehbar: In fortgeschritteneren Krankheitsstadien sind oft häufigere körperliche Untersuchungen notwendig, um Krankheitsprogression zu überwachen, Komplikationen früh zu erkennen oder komplexe Symptome zu beurteilen. Zudem können motorische Einschränkungen die Nutzung digitaler Technologien erschweren. Für diese Patientengruppe bleibt die persönliche Untersuchung durch den Neurologen ein unverzichtbarer Bestandteil der Betreuung.

Spielt das Alter eine Rolle bei der Akzeptanz von Telemedizin?

Interessanterweise erwähnt die Studie das Alter nicht als signifikanten Faktor in der statistischen Analyse, obwohl dies oft vermutet wird. Entscheidender scheinen die tatsächlichen digitalen Gewohnheiten zu sein: Wer bereits das Internet für gesundheitsbezogene Recherchen nutzt oder schon einmal digital mit Gesundheitsdienstleistern kommuniziert hat, zeigt sich eher bereit für Telemedizin. Das bedeutet, dass nicht das biologische Alter entscheidend ist, sondern die digitale Erfahrung und Kompetenz. Auch ältere Patienten können durchaus von Telemedizin profitieren, wenn sie entsprechende Unterstützung erhalten und positive Erfahrungen sammeln.

Was können Patienten tun, die sich für Telemedizin interessieren, aber unsicher sind?

Die Studie zeigte, dass etwa ein Drittel der Befragten Unterstützung bei der Nutzung digitaler Technologien benötigt. Für interessierte Patienten gibt es mehrere praktische Schritte: Sprechen Sie zunächst offen mit Ihrem Behandlungsteam über Ihre Neugier, aber auch Ihre Bedenken. Viele Praxen bieten inzwischen Testtermine oder Schulungen an. Beginnen Sie mit einfachen digitalen Kontakten – etwa E-Mail-Kommunikation oder Terminvereinbarungen über Online-Portale. Falls verfügbar, probieren Sie zunächst ergänzende Teleconsultations für unkomplizierte Anliegen aus, bevor Sie größere Veränderungen in Ihrer Betreuung vornehmen. Wichtig ist: Es gibt keinen Zwang zur Digitalisierung – finden Sie das Maß, das für Ihre individuelle Situation passt.

Wie zuverlässig sind die Studienergebnisse für andere Länder?

Die Studie wurde ausschließlich in der Schweiz durchgeführt, und die Ergebnisse könnten durchaus kulturelle und gesundheitssystemspezifische Besonderheiten widerspiegeln. Die Schweiz hat ein gut ausgebautes Gesundheitssystem mit relativ kurzen Anfahrtswegen zu spezialisierten Zentren, was die Motivation für Telemedizin reduzieren könnte. In ländlicheren Gebieten anderer Länder mit längeren Anfahrtswegen könnte die Akzeptanz höher sein. Auch kulturelle Unterschiede in der Technologienutzung und im Vertrauen in digitale Gesundheitsdienste spielen eine Rolle. Die grundsätzlichen Erkenntnisse über Erfolgsfaktoren – wie digitale Vorerfahrung und Krankheitsstadium – dürften aber übertragbar sein. Für andere Länder wären ähnliche Untersuchungen wünschenswert, um lokale Besonderheiten zu berücksichtigen.

Quelle

Diese Zusammenfassung basiert auf: Acceptability of Telehealth as the Default Modality for Multiple Sclerosis Care in Switzerland: Cross-Sectional Study., veröffentlicht in JMIR mHealth and uHealth (2026).

→ Originalstudie auf PubMed (PMID: 41576299)