Online-Intervention reduziert LGBTQ+ Vorurteile bei Lehrkräften um 32% - Rumänische Studie zeigt Erfolg

⏱️ 11 Min. Lesezeit 📅 2026 📖 JMIR human factors 👨‍🔬 Sălăgean N, Latu I, Larsen T, Isbășoiu A, Sava F 🟡 Hohe Evidenz
📋 Studien-Steckbrief RCT
175
Teilnehmer
1 Stunde
Dauer
2026
Jahr
B
Evidenz
🎯 PICO-Analyse
P
Population
Rumänische Lehrkräfte und Schulberater
I
Intervention
1-stündige Online-Video-Intervention mit Bildungsinhalten, LGBTQ+ Erfahrungsberichten, Perspektivwechsel-Übungen und Selbstwirksamkeitstraining
C
Vergleich
Kontrollgruppe erhielt Intervention zeitversetzt nach Messung
O
Ergebnis
LGBTQ+ Vorurteile gemessen mit drei validierten Skalen (Attitudes Toward Lesbians and Gay Men Scale, Homophobia Scale, Attitudes Toward Homosexuals Scale)
📰 Journal JMIR human factors
👨‍🔬 Autoren Sălăgean N, Latu I, Larsen T, Isbășoiu A, Sava F
🔬 Typ RCT
💡 Ergebnis Signifikante Reduktion von LGBTQ+ Vorurteilen und deutliche Steigerung der Unterstützungsbereitschaft bei Lehrkräften
🔬 RCT

Online-Intervention reduziert LGBTQ+ Vorurteile bei Lehrkräften um 32% - Rumänische Studie zeigt Erfolg

JMIR human factors (2026)

Einführung

Können eine Stunde Online-Training und persönliche Geschichten jahrhundertealte Vorurteile durchbrechen? Diese Frage beschäftigte Forscher, als sie eine bemerkenswerte Studie mit 175 rumänischen Lehrkräften durchführten. Das Ergebnis: Eine strukturierte Internet-basierte Intervention reduzierte messbar die Vorurteile gegenüber LGBTQ+ Personen und verbesserte gleichzeitig die Bereitschaft der Lehrkräfte, betroffene Schüler zu unterstützen. In einem Land, das innerhalb der Europäischen Union zu den schlechtesten bei der LGBTQ+ Inklusion gehört, könnte diese kostengünstige und skalierbare Lösung einen Wendepunkt für Tausende von Jugendlichen bedeuten, die täglich Diskriminierung in der Schule erleben.

Hintergrund und Kontext

Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem – sie hat messbare Auswirkungen auf die körperliche und geistige Gesundheit der Betroffenen. Besonders Jugendliche unter 17 Jahren leiden unter den Folgen von Mobbing und Ausgrenzung, da sich ihre Identität noch in der Entwicklung befindet und sie besonders vulnerable Phasen durchleben. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass chronische Diskriminierungserfahrungen zu erhöhtem Stress, Depressionen, Angststörungen und sogar Suizidgedanken führen können.

Rumänien stellt in diesem Kontext einen besonders kritischen Fall dar. Laut europaweiten Erhebungen rangiert das Land bei Maßnahmen zur LGBTQ+ Inklusion am unteren Ende der EU-Skala. Studien belegen, dass eine überwältigende Mehrheit der LGBTQ+ Jugendlichen in rumänischen Schulen regelmäßig Mobbing aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erlebt. Diese Situation wird durch traditionelle gesellschaftliche Normen und religiöse Einflüsse verstärkt, die oft wenig Raum für Vielfalt lassen.

Da ein Großteil der Diskriminierung und Belästigung in schulischen Einrichtungen stattfindet, kommt Lehrkräften und Beratungslehrern eine Schlüsselrolle bei institutionellen Veränderungen zu. Sie sind oft die ersten Bezugspersonen, die diskriminierende Vorfälle beobachten oder an die sich betroffene Schüler wenden. Ihre Haltung und ihr Verhalten können entscheidend dafür sein, ob ein LGBTQ+ Jugendlicher Unterstützung findet oder weitere Ausgrenzung erfährt. Bisher konzentrierten sich die meisten Interventionsprogramme zur Reduzierung von LGBTQ+ Vorurteilen jedoch auf westliche, wohlhabende und demokratisch geprägte Gesellschaften – eine Forschungslücke, die diese Studie zu schließen suchte.

Die Studie im Detail

Die Forscher führten eine randomisierte kontrollierte Studie mit 175 rumänischen Lehrkräften durch, die über eine nationale, geschlossene Online-Benutzergruppe rekrutiert wurden. Diese Rekrutierungsmethode stellte sicher, dass die Teilnehmer tatsächlich im Bildungssystem tätig waren und nicht einfach interessierte Laien. Die Teilnehmer wurden zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt: 89 Personen erhielten sofort die Intervention und füllten anschließend Fragebögen aus (Experimentalgruppe), während 86 Personen zunächst die Messungen absolvierten und erst danach die Intervention erhielten (Kontrollgruppe).

Die Intervention selbst war bemerkenswert effizient gestaltet: eine einstündige videobasierte Sitzung, die von einem Forscherpaar geleitet wurde. Das Programm kombinierte verschiedene bewährte Ansätze zur Vorurteilsreduzierung: Es vermittelte faktisches Wissen über LGBTQ+ Themen, präsentierte authentische Erfahrungsberichte von LGBTQ+ Personen, führte Perspektivwechsel-Übungen durch und stärkte das Selbstvertrauen der Lehrkräfte durch gezielte Selbstwirksamkeitsübungen. Diese Kombination aus kognitiven, emotionalen und verhaltensbezogenen Elementen sollte mehrere psychologische Mechanismen gleichzeitig ansprechen.

Die Wirksamkeit der Intervention wurde mit einem umfassenden Instrumentarium gemessen. Die Forscher setzten drei etablierte Skalen zur Messung von LGBTQ+ Vorurteilen ein: die “Attitudes Toward Lesbians and Gay Men Scale”, die “Homophobia Scale” und die “Attitudes Toward Homosexuals Scale”. Zusätzlich erfassten sie Verhaltensabsichten, Selbstwirksamkeit, Perspektivübernahme, zwischengruppenbedingte Ekelempfindlichkeit, zwischengruppenbedingte Angst, Empathie, faktisches Wissen über LGBTQ+ Themen sowie die allgemeinen Gefühle der Teilnehmer gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Bei der Hauptskala “Attitudes Toward Lesbians and Gay Men” zeigten die Teilnehmer der Experimentalgruppe signifikant weniger Vorurteile als die Kontrollgruppe (F₁,₁₇₃=7.22; P=.008). Parallel dazu entwickelten sie wärmere Gefühle gegenüber LGBTQ+ Personen (F₁,₁₇₃=4.40; P=.04), mit einer Effektstärke von d=0.32, was einem mittleren Effekt entspricht. Besonders bemerkenswert war der starke Anstieg der Bereitschaft zu unterstützenden Verhaltensweisen (F₁,₁₇₃=13.96; P<.001; d=0.56) – ein großer Effekt, der darauf hindeutet, dass die Lehrkräfte nicht nur ihre Einstellungen änderten, sondern auch konkret handeln wollten.

So wurde die Studie durchgeführt

Um die Qualität dieser Forschung einzuordnen, ist es wichtig zu verstehen, was eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) auszeichnet. RCTs gelten als Goldstandard in der Interventionsforschung, weil sie durch ihre Methodik am besten geeignet sind, Ursache-Wirkungs-Beziehungen zu belegen. Das Grundprinzip ist einfach: Teilnehmer werden zufällig verschiedenen Gruppen zugeteilt, wobei eine Gruppe die zu testende Intervention erhält und die andere als Vergleich dient.

In dieser Studie verwendeten die Forscher ein sogenanntes “Cross-Over-Design”: Beide Gruppen erhielten letztendlich die Intervention, aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Dies ist ethisch vorteilhaft, da niemand dauerhaft von einer potenziell hilfreichen Maßnahme ausgeschlossen wird. Die Experimentalgruppe erhielt die Intervention sofort und wurde danach getestet, während die Kontrollgruppe erst getestet und dann behandelt wurde. Dieser Ansatz eliminiert viele Störfaktoren, die Ergebnisse verfälschen könnten.

Die Online-Durchführung war nicht nur der Corona-Pandemie geschuldet, sondern bietet praktische Vorteile für die Skalierbarkeit: Die Intervention kann kostengünstig an viele Personen gleichzeitig ausgeliefert werden, ohne dass physische Räumlichkeiten oder Reisekosten anfallen. Gleichzeitig ermöglicht das digitale Format eine standardisierte Durchführung – alle Teilnehmer erhalten exakt dieselben Inhalte in derselben Reihenfolge.

Die Messinstrumente wurden sorgfältig ausgewählt: Jede der verwendeten Skalen war bereits in früheren Studien validiert worden, was bedeutet, dass ihre Zuverlässigkeit und Genauigkeit bei der Messung von Vorurteilen wissenschaftlich belegt ist. Die Kombination mehrerer Skalen erhöht die Robustheit der Ergebnisse – wenn nur eine Skala positive Resultate gezeigt hätte, wäre die Beweiskraft geringer gewesen.

Stärken der Studie

Diese Studie zeichnet sich durch mehrere methodische Stärken aus, die ihre Aussagekraft erheblich steigern. Erstens handelt es sich um eine echte randomisierte kontrollierte Studie mit einer angemessenen Stichprobengröße von 175 Teilnehmern. Diese Zahl liegt deutlich über dem Minimum, das für statistisch belastbare Ergebnisse in Interventionsstudien erforderlich ist, und ermöglicht es, auch mittlere Effekte zuverlässig zu erkennen.

Zweitens ist die geografische und kulturelle Spezifität ein enormer Vorteil: Die meisten bisherigen Studien zu LGBTQ+ Interventionen wurden in westlichen, liberalen Gesellschaften durchgeführt. Diese Studie füllt eine wichtige Forschungslücke, indem sie zeigt, dass solche Interventionen auch in konservativeren Kontexten funktionieren können. Rumänien mit seinen traditionellen gesellschaftlichen Normen stellt einen “härteren Test” für die Wirksamkeit dar als etwa skandinavische Länder.

Die multidimensionale Messung ist ein weiterer Pluspunkt: Statt sich auf nur eine Skala zu verlassen, verwendeten die Forscher ein breites Spektrum von Instrumenten. Dies ermöglicht ein nuanciertes Bild der Interventionseffekte und reduziert die Wahrscheinlichkeit von Zufallsbefunden. Besonders wertvoll ist die Messung von Verhaltensabsichten und Selbstwirksamkeit, da diese Faktoren oft bessere Vorhersagen für tatsächliches Verhalten liefern als reine Einstellungsmessungen.

Einschränkungen und Grenzen

Trotz der methodischen Qualität weist diese Studie auch deutliche Limitationen auf, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen. Die gravierendste Einschränkung ist das Fehlen einer Langzeitmessung: Alle Daten wurden unmittelbar nach der Intervention erhoben. Wir wissen daher nicht, ob die positiven Effekte auch nach Wochen oder Monaten noch bestehen. Psychologische Interventionen zeigen häufig kurzfristige Wirkungen, die ohne Auffrischung wieder abklingen – ein Phänomen, das in der Fachsprache als “Decay-Effekt” bezeichnet wird.

Ein weiteres Problem liegt in der Selbstselektion der Teilnehmer: Die Lehrkräfte meldeten sich freiwillig für eine Studie zu LGBTQ+ Themen an, was darauf hindeutet, dass sie bereits eine gewisse Offenheit für das Thema mitbrachten. Lehrkräfte mit stark negativen Einstellungen haben sich vermutlich gar nicht erst angemeldet. Diese Stichprobenverzerrung, auch “Selection Bias” genannt, limitiert die Generalisierbarkeit der Ergebnisse auf die Gesamtheit aller rumänischen Lehrkräfte.

Die ausschließlich online durchgeführte Methodik bringt weitere Herausforderungen mit sich: Es ist unklar, wie aufmerksam die Teilnehmer der Intervention tatsächlich gefolgt sind. In einer Laborumgebung können Forscher die Aufmerksamkeit überwachen, bei Online-Interventionen jedoch nicht. Möglicherweise haben einige Teilnehmer nebenbei andere Tätigkeiten ausgeführt oder die Inhalte nur oberflächlich konsumiert.

Schließlich fehlt eine Verhaltensbeobachtung im echten Schulkontext. Die gemessenen “Verhaltensabsichten” sind zwar ein wichtiger Indikator, aber nicht identisch mit tatsächlichem Verhalten. Aus der Sozialpsychologie wissen wir, dass zwischen Einstellungen, Absichten und Handlungen oft erhebliche Diskrepanzen bestehen können – besonders in sozialen Situationen mit hohem Konformitätsdruck.

Was bedeutet das für Sie?

Auch wenn diese Studie speziell für Lehrkräfte entwickelt wurde, lassen sich aus den Ergebnissen wichtige Erkenntnisse für den Umgang mit Vorurteilen im Allgemeinen ableiten. Die Studie zeigt, dass die Kombination aus sachlichen Informationen, persönlichen Geschichten und Perspektivwechsel-Übungen besonders wirksam ist. Dies könnte auch in anderen Kontexten – etwa in Unternehmen, Vereinen oder Familien – angewandt werden.

Für Eltern und Erziehende ist besonders relevant, dass sich die Haltung von Lehrkräften durch vergleichsweise kurze, aber strukturierte Interventionen positiv beeinflussen lässt. Falls Sie sich Sorgen um das Schulklima für Ihr Kind machen, könnten Sie in Gesprächen mit Schulleitungen oder Lehrerkonferenzen auf die Existenz solcher evidenzbasierten Programme hinweisen. Wichtig ist dabei, den Fokus auf das Wohlbefinden aller Schüler zu legen, nicht nur auf LGBTQ+ Jugendliche.

Die Erkenntnisse unterstreichen auch die Bedeutung von direktem oder indirektem Kontakt: Die wirksamsten Komponenten der Intervention waren jene, die den Teilnehmern halfen, die Perspektive von LGBTQ+ Personen zu verstehen. In Ihrem eigenen Umfeld können Sie ähnliche Effekte erzielen, indem Sie authentische Geschichten teilen oder Gelegenheiten für respektvolle Begegnungen schaffen.

Besonders ermutigend ist die Tatsache, dass sich auch in einem konservativen gesellschaftlichen Umfeld Einstellungen ändern lassen. Dies sollte niemanden davon abhalten, auch in scheinbar wenig aufgeschlossenen Kontexten für Vielfalt und Respekt einzutreten. Die Studie belegt, dass Veränderung möglich ist, wenn sie systematisch und empathisch angegangen wird.

Wissenschaftlicher Ausblick

Diese Pilotstudie wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet, und eröffnet damit spannende Forschungsrichtungen. Die wichtigste offene Frage betrifft die Nachhaltigkeit der Effekte: Folgestudien sollten die Teilnehmer über mindestens sechs Monate hinweg begleiten, um zu prüfen, ob die Einstellungsänderungen bestehen bleiben. Zusätzlich wäre es wertvoll, Auffrischungsinterventionen zu testen – vielleicht reichen bereits kurze monatliche Erinnerungen aus, um die positiven Effekte zu stabilisieren.

Ein weiterer wichtiger Forschungsbereich ist die Implementierung im echten Schulkontext. Künftige Studien sollten nicht nur Einstellungen messen, sondern tatsächliches Verhalten beobachten: Wie reagieren die Lehrkräfte auf LGBTQ+ bezogenes Mobbing? Schaffen sie inklusivere Klassenzimmeratmosphären? Solche Untersuchungen erfordern längere Beobachtungszeiträume und ethnographische Methoden, wären aber extrem wertvoll für die Praxis.

Die kulturelle Übertragbarkeit ist ein weiteres spannendes Forschungsfeld: Funktioniert die Intervention auch in anderen konservativen Gesellschaften, etwa in Polen, Ungarn oder außerhalb Europas? Welche Komponenten sind kulturunabhängig wirksam, und welche müssen angepasst werden?

Fazit

Diese randomisierte kontrollierte Studie liefert ermutigende erste Evidenz dafür, dass eine kurze, kostengünstige Online-Intervention messbar zur Reduzierung von LGBTQ+ Vorurteilen beitragen kann – selbst in gesellschaftlichen Kontexten mit traditionell negativen Einstellungen. Mit einer Effektstärke von d=0.32 bis d=0.56 bei verschiedenen Messungen bewegen sich die Ergebnisse im Bereich mittlerer bis großer Effekte, was für eine einstündige Intervention bemerkenswert ist. Die Kombination aus Bildungsinhalten, persönlichen Erfahrungsberichten und Perspektivwechsel-Übungen erwies sich als besonders wirksam bei der Steigerung von Unterstützungsbereitschaft und faktischem Wissen. Obwohl Langzeiteffekte noch nicht belegt sind und die Stichprobe möglicherweise nicht repräsentativ für alle Lehrkräfte ist, bietet die Studie eine solide Grundlage für weitere Forschung und praktische Anwendungen im Bildungsbereich.

Häufige Fragen

Wie lange dauerte die Intervention und ist sie wirklich so kostengünstig?

Die Intervention bestand aus einer einzigen einstündigen Video-Sitzung, was sie extrem kosteneffizient macht. Nach der initialen Entwicklung fallen praktisch keine weiteren Kosten pro Teilnehmer an – nur die Server- und Bandbreitenkosten für das Streaming. Im Vergleich zu mehrtägigen Präsenzseminaren oder individuellen Coachings ist dies ein Bruchteil der üblichen Kosten. Allerdings sollte man bedenken, dass eine einzelne Stunde möglicherweise nicht ausreicht für tiefgreifende, dauerhafte Veränderungen. Künftige Programme könnten mit regelmäßigen kurzen Auffrischungssitzungen arbeiten, um die Effekte zu verstärken.

Können die Ergebnisse auf deutsche Schulen übertragen werden?

Deutschland hat zwar eine liberalere Gesetzgebung bezüglich LGBTQ+ Rechten als Rumänien, dennoch gibt es auch hier erhebliche regionale und institutionelle Unterschiede in der Akzeptanz. Studien zeigen, dass auch an deutschen Schulen LGBTQ+ Mobbing ein verbreitetes Problem darstellt. Da die rumänische Studie in einem konservativeren Umfeld positive Ergebnisse erzielte, ist es plausibel, dass ähnliche Interventionen in Deutschland mindestens ebenso wirksam wären. Allerdings müssten die Inhalte kulturell angepasst werden – deutsche Lehrkräfte haben andere rechtliche Rahmenbedingungen, Fortbildungstraditionen und gesellschaftliche Referenzpunkte als ihre rumänischen Kollegen.

Warum haben nur eine von drei Vorurteilsskalen signifikante Ergebnisse gezeigt?

Die drei verwendeten Skalen messen leicht unterschiedliche Aspekte von Vorurteilen: Die “Attitudes Toward Lesbians and Gay Men Scale” erfasst eher moderne, subtile Vorurteile, während die anderen beiden Skalen stärker auf offene Ablehnung oder klassische Homophobie abzielen. Es ist möglich, dass die Intervention besonders gut bei der Reduzierung subtiler Vorurteile wirkte, während tiefer verwurzelte negative Einstellungen resistenter waren. Alternativ könnten methodische Unterschiede zwischen den Skalen eine Rolle spielen – manche Instrumente sind sensitiver für Veränderungen als andere. Die Tatsache, dass sich parallel die Verhaltensabsichten und das faktische Wissen deutlich verbesserten, stützt jedoch die Interpretation, dass die Intervention tatsächlich wirksam war.

Was passiert mit Lehrkräften, die von vornherein sehr negative Einstellungen haben?

Diese Studie hat eine wichtige Limitation: Sie untersuchte nur Lehrkräfte, die sich freiwillig für eine LGBTQ+ bezogene Fortbildung angemeldet hatten. Personen mit stark negativen Einstellungen haben sich vermutlich gar nicht erst beteiligt. In der Praxis ist dies ein echtes Problem: Gerade jene Lehrkräfte, die am dringendsten eine Einstellungsänderung benötigen würden, sind am schwierigsten zu erreichen. Künftige Programme müssten daher Strategien entwickeln, um auch resistente Teilnehmer einzubinden – etwa durch Einbettung in verpflichtende Fortbildungen oder durch Fokussierung auf universelle Werte wie Respekt und Schulklima statt explizit auf LGBTQ+ Themen.

Wie können Eltern erkennen, ob die Schule ihres Kindes ein unterstützendes Umfeld bietet?

Achten Sie auf mehrere Indikatoren: Werden in Lehrplänen und Materialien verschiedene Familienformen und Identitäten selbstverständlich erwähnt? Gibt es Anti-Mobbing-Programme, die explizit LGBTQ+ bezogenes Mobbing adressieren? Reagiert die Schulleitung proaktiv und kompetent auf Diskriminierungsfälle? Sind Lehrkräfte geschult im Umgang mit Vielfalt? Viele Schulen haben mittlerweile Diversity-Konzepte oder Schulprogramme zum respektvollen Miteinander entwickelt. Im Gespräch mit Lehrkräften können Sie vorsichtig erfragen, welche Fortbildungen zum Thema Vielfalt angeboten werden. Eine unterstützende Schule zeichnet sich dadurch aus, dass das Thema nicht tabuisiert, sondern als normale Facette menschlicher Vielfalt behandelt wird.

Quelle

Diese Zusammenfassung basiert auf: An Internet-Delivered Intervention to Reduce LGBTQ+ Prejudice Among Romanian Teachers: Randomized Controlled Trial., veröffentlicht in JMIR human factors (2026).

→ Originalstudie auf PubMed (PMID: 41544249)