Einführung
Stellen Sie sich vor, Sie könnten mit einer einfachen Kombination aus gezieltem Training und Proteinpulver das Sturzrisiko älterer Menschen drastisch senken und ihre Lebensqualität verbessern. Was zunächst wie ein Werbeversprechen aus dem Fitnessstudio klingt, hat tatsächlich eine solide wissenschaftliche Grundlage. Eine aktuelle Studie aus Großbritannien untersuchte genau diese Kombination bei Menschen über 60 Jahren, die bereits erste Anzeichen von Gebrechlichkeit zeigten und zu wenig Protein zu sich nahmen. Die Ergebnisse sind vielversprechend, auch wenn die Studie selbst mit unerwarteten Herausforderungen zu kämpfen hatte.
Hintergrund und Kontext
Die Alterung der Bevölkerung stellt unsere Gesundheitssysteme vor wachsende Herausforderungen. Besonders problematisch ist dabei das Phänomen der Gebrechlichkeit, medizinisch als “Frailty” bezeichnet. Diese zeigt sich durch eine Kombination aus ungewolltem Gewichtsverlust, Schwäche, verlangsamtem Gangbild, geringer körperlicher Aktivität und Erschöpfung. Etwa 10-15 Prozent der über 65-Jährigen sind davon betroffen, bei den über 85-Jährigen steigt dieser Anteil auf über 25 Prozent.
Was viele nicht wissen: Gebrechlichkeit ist nicht einfach ein unvermeidlicher Teil des Alterns. Sie entwickelt sich oft schleichend über Jahre hinweg und durchläuft verschiedene Stadien. Bevor Menschen vollständig gebrechlich werden, durchlaufen sie meist eine Phase der “Vor-Gebrechlichkeit” oder “Pre-Frailty”. In diesem Stadium zeigen sie bereits erste Warnsignale, haben aber noch gute Chancen, den Prozess aufzuhalten oder sogar umzukehren.
Ein entscheidender Faktor dabei ist die Proteinversorgung. Während jüngere Erwachsene mit etwa 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich auskommen, benötigen ältere Menschen deutlich mehr – Experten empfehlen 1,2 bis 1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Der Grund liegt in der altersbedingten Sarkopenie, dem fortschreitenden Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft. Ab dem 30. Lebensjahr verlieren wir etwa ein Prozent unserer Muskelmasse pro Jahr, ab 60 beschleunigt sich dieser Prozess sogar.
Gleichzeitig wissen wir aus zahlreichen Studien, dass gezieltes Krafttraining selbst bei hochbetagten Menschen noch deutliche Verbesserungen bewirken kann. Die Kombination aus ausreichender Proteinzufuhr und Krafttraining erscheint daher als logische Strategie. Doch funktioniert das auch bei Menschen, die bereits erste Zeichen von Gebrechlichkeit zeigen und deren Proteinzufuhr unzureichend ist?
Die Studie im Detail
Um diese Frage zu beantworten, starteten britische Forscher die MMoST-Studie (Maximising Mobility and Strength Training). Das Ziel war zunächst zu prüfen, ob eine größere Hauptstudie zu diesem Thema überhaupt durchführbar wäre – eine sogenannte Machbarkeitsstudie oder “Feasibility Study”. Solche Vorstudien sind in der Medizinforschung üblich, um teure und aufwändige Hauptstudien optimal zu planen.
Die Forscher wollten 50 Teilnehmer über vier NHS-Physiotherapie-Zentren in England rekrutieren. Die Einschlusskriterien waren sehr spezifisch: Teilnehmer mussten mindestens 60 Jahre alt sein, erste Anzeichen von Gebrechlichkeit oder Vor-Gebrechlichkeit zeigen, über Gehprobleme klagen oder langsam gehen, und vor allem zu wenig Protein zu sich nehmen – weniger als ein Gramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich.
Alle Teilnehmer sollten das gleiche Trainingsprogramm absolvieren: zweimal wöchentlich angeleitetes Kraft- und Mobilitätstraining mit einem Physiotherapeuten über 24 Wochen. Die Hälfte der Teilnehmer wurde zusätzlich per Zufallsprinzip ausgewählt, täglich Proteinpulver zu erhalten, um ihre Proteinzufuhr auf 1,6 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht zu steigern.
Doch bereits bei der Rekrutierung stießen die Forscher auf unerwartete Probleme. Ursprünglich wollten sie Teilnehmer aus bestehenden Patientenakten der Physiotherapie-Praxen gewinnen. Diese Patienten erwiesen sich jedoch als zu krank und eingeschränkt für die Studienteilnahme. Auch aus einer bereits laufenden Kohortenstudie konnten keine Teilnehmer gewonnen werden. Schließlich wechselten die Forscher zur Rekrutierung über Zeitungsanzeigen und Gemeindezentren.
Von 952 interessierten Personen, die sich meldeten, erfüllten am Ende nur 20 die strengen Einschlusskriterien und wurden in die Studie eingeschlossen. Diese 20 Teilnehmer hatten ein Durchschnittsalter von 76 Jahren, 75 Prozent galten als bereits gebrechlich (nicht nur vor-gebrechlich), und 70 Prozent absolvierten die gesamte Studienzeit bis zur Nachuntersuchung nach fünf bis acht Monaten.
Die Ergebnisse zeigten durchweg einen positiven Trend zugunsten der Kombination aus Training und Proteinzufuhr, auch wenn die Unterschiede aufgrund der kleinen Teilnehmerzahl statistisch nicht signifikant waren. So verbesserte sich beispielsweise der Short Physical Performance Battery Score (SPPB) – ein standardisierter Test für körperliche Leistungsfähigkeit – in der Protein-plus-Training-Gruppe um durchschnittlich 0,93 Punkte mehr als in der reinen Trainingsgruppe. Beim 6-Minuten-Gehtest schafften die Teilnehmer mit Proteinzusatz im Durchschnitt 42 Meter mehr als die Kontrollgruppe.
So wurde die Studie durchgeführt
Die MMoST-Studie folgte dem Goldstandard der Medizinforschung: einer randomisierten kontrollierten Studie, kurz RCT (Randomized Controlled Trial). Das bedeutet, dass die Teilnehmer per Zufall (wie beim Münzwurf) einer der beiden Behandlungsgruppen zugeteilt wurden. Dieses Verfahren ist deshalb so wichtig, weil es verhindert, dass bewusste oder unbewusste Vorurteile der Forscher die Ergebnisse verfälschen.
Besonders clever war die Wahl der Kontrollgruppe: Statt eine Gruppe komplett ohne Behandlung zu haben, erhielten alle Teilnehmer das gleiche Trainingsprogramm. Nur die eine Hälfte bekam zusätzlich Proteinpulver, die andere nicht. So konnte man sicher sein, dass eventuelle Unterschiede tatsächlich auf das Protein zurückzuführen waren und nicht auf andere Faktoren wie die erhöhte Aufmerksamkeit durch die Studienteilnahme.
Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Verblindung: Die Personen, die die Tests zur Leistungsmessung durchführten, wussten nicht, welche Teilnehmer Proteinpulver erhielten und welche nicht. Dadurch konnten sie die Messungen nicht (unbewusst) zugunsten einer Gruppe beeinflussen. Die Teilnehmer selbst konnten natürlich nicht verblindet werden – schließlich merkten sie, ob sie täglich Proteinpulver zu sich nehmen mussten oder nicht.
Die Forscher maßen verschiedene Parameter zu Beginn der Studie und nach fünf bis acht Monaten. Dazu gehörten standardisierte Tests wie der bereits erwähnte SPPB, bei dem Teilnehmer verschiedene Aufgaben wie Gleichgewichtstests, Gehen auf Zeit und Aufstehen von einem Stuhl absolvieren müssen. Der 6-Minuten-Gehtest misst, welche Strecke jemand in sechs Minuten zurücklegen kann – ein etablierter Indikator für Ausdauer und allgemeine Fitness. Zusätzlich füllten die Teilnehmer Fragebögen zu ihrer subjektiv empfundenen Lebensqualität und ihren Alltagsfähigkeiten aus.
Stärken der Studie
Trotz der Rekrutierungsprobleme weist die MMoST-Studie mehrere methodische Stärken auf, die ihre Aussagekraft erhöhen. Zunächst ist das Studiendesign als randomisierte kontrollierte Studie der Goldstandard für Interventionsstudien. Die Randomisierung und Verblindung der Outcome-Assessoren minimieren wichtige Fehlerquellen und erhöhen die Verlässlichkeit der Ergebnisse.
Besonders hervorzuheben ist die pragmatische Herangehensweise: Statt in einem künstlichen Laborumfeld zu forschen, fand die Studie in echten NHS-Physiotherapie-Praxen statt. Die Intervention wurde von regulären Physiotherapeuten durchgeführt, nicht von speziell geschulten Forschungsmitarbeitern. Das erhöht die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Praxisalltag erheblich. Wenn sich positive Effekte zeigen, können sie vermutlich auch in der regulären Versorgung erreicht werden.
Die Auswahl der Outcome-Parameter war ebenfalls durchdacht. Der SPPB und der 6-Minuten-Gehtest sind international etablierte, validierte Instrumente zur Messung körperlicher Leistungsfähigkeit bei älteren Menschen. Sie korrelieren nachweislich mit wichtigen Endpunkten wie Stürzen, Krankenhausaufenthalten und sogar der Sterblichkeit. Die Kombination aus objektiven Messungen und subjektiven Fragebögen liefert ein umfassendes Bild der Veränderungen.
Die Dauer von 24 Wochen war angemessen lang gewählt, um biologisch relevante Anpassungen zu ermöglichen. Muskelmasse und Kraft verändern sich nicht von heute auf morgen – es braucht Wochen bis Monate systematischen Trainings, um deutliche Verbesserungen zu sehen.
Einschränkungen und Grenzen
Die größte Limitation der Studie liegt in der drastisch zu geringen Teilnehmerzahl. Mit nur 20 statt der geplanten 50 Teilnehmer war die Studie von vornherein unterpowert, das heißt, sie konnte statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen kaum nachweisen, selbst wenn sie vorhanden gewesen wären. Bei nur 10 Teilnehmern pro Gruppe führt bereits der Ausfall oder eine Besonderheit einzelner Personen zu großen Schwankungen in den Ergebnissen.
Die Rekrutierungsprobleme offenbaren ein fundamentales Problem vieler Altersstudien: Die Zielgruppe ist schwer zu erreichen und zu motivieren. Dass von 952 Interessierten nur 20 eingeschlossen werden konnten, zeigt, wie streng die Einschlusskriterien waren, aber auch, wie komplex die Lebenssituation älterer Menschen mit beginnender Gebrechlichkeit ist. Viele potenzielle Teilnehmer hatten vermutlich bereits zu schwere Begleiterkrankungen oder andere Hindernisse.
Die Studiendauer war zwar für biologische Anpassungen angemessen, aber für die Beurteilung langfristiger Effekte zu kurz. Gerade bei Gebrechlichkeit interessiert primär, ob sich der weitere Verlauf der Erkrankung beeinflussen lässt. Dafür wären Nachbeobachtungszeiten von Jahren notwendig, nicht nur von Monaten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die mangelnde Übertragbarkeit auf andere Gesundheitssysteme. Die Studie fand im britischen NHS statt, wo Physiotherapie anders organisiert und finanziert ist als in Deutschland. Ob sich die Intervention in unserem System mit seinen anderen Strukturen und Abrechnungsmodalitäten umsetzen ließe, bleibt unklar.
Schließlich ist unklar, wie repräsentativ die 20 eingeschlossenen Teilnehmer für die Gesamtpopulation gebrechlicher älterer Menschen sind. Sie waren schließlich bereit und in der Lage, an einer aufwändigen Studie teilzunehmen – möglicherweise waren sie motivierter und gesünder als der Durchschnitt ihrer Altersgruppe.
Was bedeutet das für Sie?
Auch wenn die MMoST-Studie aufgrund ihrer geringen Größe keine definitiven Schlüsse zulässt, fügt sie sich in ein wachsendes Bild ein, das die Bedeutung von Proteinzufuhr und Krafttraining für ältere Menschen unterstreicht. Die konsistent positiven Trends in allen gemessenen Bereichen sind ermutigend und stimmen mit der biologischen Plausibilität der Intervention überein.
Für Menschen über 60, insbesondere solche mit ersten Anzeichen nachlassender körperlicher Leistungsfähigkeit, ergeben sich daraus mehrere praktische Überlegungen. Zunächst zur Proteinzufuhr: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt für Personen über 65 Jahre eine Proteinzufuhr von 1,0 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich, andere Fachgesellschaften sogar 1,2-1,6 Gramm. Das bedeutet für eine 70 Kilogramm schwere Person zwischen 70 und 112 Gramm Protein täglich – deutlich mehr als die oft zitierten 0,8 Gramm für jüngere Erwachsene.
Diese Menge zu erreichen, ist schwieriger als viele denken. Ein großes Stück Fleisch (150g) liefert etwa 30-35 Gramm Protein, ein Becher Joghurt etwa 10 Gramm, ein Ei rund 6 Gramm. Besonders Menschen mit nachlassendem Appetit oder Schluckproblemen tun sich schwer damit. Hier können Proteinpulver eine sinnvolle Ergänzung sein, sollten aber eine ausgewogene Ernährung nicht ersetzen.
Beim Training ist wichtig zu verstehen, dass bereits moderates Krafttraining deutliche Effekte haben kann. Die Teilnehmer der MMoST-Studie trainierten nur zweimal wöchentlich, nicht täglich. Für den Einstieg reichen oft einfache Übungen mit dem eigenen Körpergewicht oder leichten Gewichten. Wichtig ist die Regelmäßigkeit und die progressive Steigerung über die Zeit.
Allerdings sollten Menschen mit Vorerkrankungen oder Unsicherheiten bezüglich ihrer körperlichen Belastbarkeit vor Beginn eines neuen Trainingsprogramms ärztlichen Rat einholen. Dies gilt besonders für Pers
Quelle
Diese Zusammenfassung basiert auf: Mobility and strength training with and without protein supplements for pre-frail/frail older people with low protein intake: maximising mobility and strength training (MMoST) feasibility randomised controlled trial., veröffentlicht in BMJ open (2026).