Internetsucht bei jungen Erwachsenen: Körperliche und geistige Übungen als wirksame Therapie

⏱️ 8 Min. Lesezeit 📅 2025 📖 Frontiers in public health 👨‍🔬 Jia S, Wang H, Chu D, Yao J, Wang H et al.
📋 Studien-Steckbrief Systematic Review
24
Teilnehmer
2025
Jahr
🎯 PICO-Analyse
P
Population
Personen mit Internet-Suchterkrankung aus 24 randomisierten kontrollierten Studien, n=1,711
I
Intervention
Verschiedene körperliche und geistige Übungsmethoden (einschließlich Achtsamkeitsmeditation)
C
Vergleich
Kontrollgruppe
O
Ergebnis
Symptome der Internet-Suchterkrankung
📰 Journal Frontiers in public health
👨‍🔬 Autoren Jia S, Wang H, Chu D, Yao J, Wang H et al.
💡 Ergebnis Alle körperlichen und geistigen Übungsmethoden verbesserten signifikant die Symptome der Internet-Suchterkrankung (SMD = -1.63), wobei Achtsamkeitsmeditation den stärksten Effekt zeigte (SMD = -2.04) und die beste Wirkung bei 730 MET min/Woche auftrat.
🔬 Systematic Review

Internetsucht bei jungen Erwachsenen: Körperliche und geistige Übungen als wirksame Therapie

Frontiers in public health (2025)

Wie viele Stunden verbringen Sie täglich im Internet? Wenn Sie sich nicht sicher sind oder die Antwort Sie erschreckt, sind Sie nicht allein. Internetsucht – von Experten als „Internet Addiction Disorder" bezeichnet – betrifft mittlerweile Millionen von Menschen weltweit. Eine neue umfassende Übersichtsstudie bringt jedoch Hoffnung: Körperliche und geistige Übungen können nachweislich dabei helfen, die Symptome der Internetsucht zu lindern. Besonders eine Methode sticht dabei hervor.

Hintergrund und Kontext

Internetsucht ist ein relativ neues Phänomen, das erst mit der Verbreitung des Internets in den 1990er Jahren entstanden ist. Der Begriff beschreibt ein zwanghaftes, unkontrolliertes Nutzungsverhalten, bei dem Betroffene übermäßig viel Zeit online verbringen und dabei andere wichtige Lebensbereiche vernachlässigen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits die „Gaming Disorder" – eine spezielle Form der Internetsucht – als eigenständige Erkrankung anerkannt, was die Ernsthaftigkeit des Problems unterstreicht.

Die Symptome ähneln denen anderer Suchterkrankungen: Kontrollverlust, Toleranzentwicklung (immer mehr Zeit wird benötigt, um zufrieden zu sein), Entzugserscheinungen bei Internetverzicht, Vernachlässigung sozialer Beziehungen und beruflicher oder schulischer Verpflichtungen. Besonders junge Erwachsene sind betroffen, da sie in einer Zeit aufgewachsen sind, in der digitale Technologien allgegenwärtig waren.

Bisher konzentrierten sich Behandlungsansätze hauptsächlich auf psychotherapeutische Methoden oder medikamentöse Therapien. Körperliche Aktivität und geistige Übungen wie Meditation wurden zwar immer wieder als potenzielle Hilfen diskutiert, jedoch fehlte eine systematische Auswertung der wissenschaftlichen Evidenz. Genau diese Lücke schließt die vorliegende Studie, indem sie erstmals alle verfügbaren hochwertigen Forschungsarbeiten zu diesem Thema zusammenfasst und auswertet.

Die Studie im Detail

Die Forschungsarbeit ist ein systematischer Review – eine besonders wertvolle Art wissenschaftlicher Studie, die alle verfügbaren hochwertigen Einzelstudien zu einem Thema sammelt und gemeinsam auswertet. Dies ermöglicht es, robuste Aussagen über die Wirksamkeit von Behandlungsansätzen zu treffen, auch wenn einzelne Studien möglicherweise zu klein waren, um eindeutige Schlüsse zu ziehen.

Das Forschungsteam durchsuchte fünf große wissenschaftliche Datenbanken (PubMed, Web of Science, EBSCO, Cochrane Library und CNKI) nach randomisierten kontrollierten Studien, die zwischen Oktober 2000 und Februar 2025 veröffentlicht wurden. Randomisierte kontrollierte Studien gelten als Goldstandard in der medizinischen Forschung, da sie durch zufällige Gruppenzuteilung und Kontrollgruppen besonders zuverlässige Ergebnisse liefern.

Nach einem strengen Auswahlverfahren konnten schließlich 24 hochwertige Studien in die Analyse einbezogen werden, die insgesamt 1.711 Teilnehmer umfassten. Diese Studien untersuchten verschiedene Arten körperlicher und geistiger Übungen: von klassischen Sportarten wie Laufen und Krafttraining über Yoga und Tai Chi bis hin zu Achtsamkeitsmeditation und anderen mentalen Trainingsprogrammen.

Das Durchschnittsalter der Teilnehmer lag im Bereich junger Erwachsener, was besonders relevant ist, da diese Altersgruppe am häufigsten von Internetsucht betroffen ist. Alle Teilnehmer erfüllten zu Studienbeginn die Kriterien für eine Internetsucht, gemessen mit standardisierten Fragebögen wie der „Internet Addiction Scale" oder ähnlichen validierten Instrumenten.

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Im Vergleich zu den Kontrollgruppen (die meist keine Intervention oder nur eine Scheinbehandlung erhielten) verbesserten alle Arten körperlicher und geistiger Übungen die Symptome der Internetsucht signifikant. Der sogenannte standardisierte Mittelwertunterschied (SMD) betrug -1,63 mit einem 95%-Konfidenzintervall von -2,04 bis -1,22. Ein SMD-Wert von -1,63 gilt in der Forschung als großer Effekt – das bedeutet, die Verbesserungen waren nicht nur statistisch nachweisbar, sondern auch klinisch bedeutsam.

Besonders hervorzuheben ist, dass Achtsamkeitsmeditation die stärkste Wirkung zeigte. Mit einem SMD-Wert von -2,04 (95%-Konfidenzintervall: -3,23 bis -0,85) übertraf sie alle anderen untersuchten Interventionen. Das entspricht einer sehr großen Effektstärke, die in der psychologischen Forschung selten erreicht wird.

So wurde die Studie durchgeführt

Ein systematischer Review folgt einem strengen, vorab festgelegten Protokoll, um subjektive Verzerrungen zu minimieren und die Qualität der Ergebnisse zu maximieren. In diesem Fall registrierten die Forscher ihr Studienprotokoll vorab in der internationalen Datenbank PROSPERO unter der Nummer CRD42025631096 – ein wichtiges Qualitätsmerkmal, das zeigt, dass die Methoden nicht nachträglich angepasst wurden.

Zwei unabhängige Forscher durchsuchten systematisch die wissenschaftlichen Datenbanken nach allen Studien, die körperliche oder geistige Übungen bei Internetsucht untersuchten. Sie verwendeten dabei spezifische Suchbegriffe und Kombinationen, um keine relevanten Arbeiten zu übersehen. Jede gefundene Studie wurde anhand vorab definierter Kriterien bewertet: War es eine randomisierte kontrollierte Studie? Waren die Teilnehmer tatsächlich internetsüchtig? Wurden validierte Messinstrumente verwendet?

Nach der Literatursuche extrahierten die Forscher unabhängig voneinander die wichtigen Daten aus jeder Studie: Teilnehmerzahlen, demografische Daten, Art und Dauer der Intervention, verwendete Messinstrumente und Ergebnisse. Anschließend bewerteten sie das Risiko systematischer Fehler in jeder Einzelstudie anhand etablierter Checklisten.

Für die statistische Auswertung verwendeten die Wissenschaftler spezialisierte Software (RevMan 5.4, Stata 19.0 und R). Sie rechneten nicht nur einfache Durchschnittswerte aus, sondern führten eine sogenannte Meta-Analyse durch. Diese Methode gewichtet die Ergebnisse einzelner Studien entsprechend ihrer Größe und Qualität und fasst sie zu einem Gesamtergebnis zusammen.

Besonders innovativ war die Dosis-Wirkungs-Analyse: Die Forscher untersuchten, ob mehr Übung auch zu besseren Ergebnissen führt. Dafür berechneten sie für jede Studie die sogenannten MET-Minuten pro Woche. MET steht für „Metabolic Equivalent of Task" und ist eine Standardeinheit für körperliche Aktivität. Ein MET entspricht dem Energieverbrauch in Ruhe; moderate körperliche Aktivität entspricht etwa 3-6 MET.

Stärken der Studie

Diese Forschungsarbeit weist mehrere bedeutende Stärken auf, die ihre Aussagekraft erheblich steigern. Zunächst ist die methodische Qualität hervorzuheben: Als systematischer Review und Meta-Analyse steht sie an der Spitze der Evidenzhierarchie. Die Forscher folgten den internationalen PRISMA-Richtlinien für systematische Reviews, was Transparenz und Reproduzierbarkeit gewährleistet.

Die umfassende Literatursuche in fünf verschiedenen Datenbanken, einschließlich der chinesischen CNKI-Datenbank, minimiert das Risiko, relevante Studien zu übersehen. Dies ist besonders wichtig, da Internetsucht ein globales Phänomen ist und wichtige Forschung in verschiedenen Ländern und Sprachen stattfindet.

Mit 24 eingeschlossenen Studien und 1.711 Teilnehmern erreicht die Analyse eine beachtliche Größe, die robuste statistische Aussagen ermöglicht. Die Beschränkung auf randomisierte kontrollierte Studien gewährleistet zudem eine hohe methodische Qualität der Einzelstudien.

Besonders wertvoll ist die Dosis-Wirkungs-Analyse, die über eine einfache „wirkt" oder „wirkt nicht"-Aussage hinausgeht. Die Entdeckung einer U-förmigen Dosis-Wirkungs-Beziehung mit einem Optimum bei 730 MET-Minuten pro Woche liefert praktisch verwertbare Informationen für die Therapiegestaltung. Diese Detailtiefe ist in vielen anderen systematischen Reviews nicht zu finden.

Einschränkungen und Grenzen

Trotz der methodischen Stärken weist auch diese Studie wichtige Limitationen auf, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssen. Ein zentrales Problem ist die erhebliche Heterogenität zwischen den eingeschlossenen Studien. Die verschiedenen Interventionen – von Ausdauersport über Yoga bis hin zu Meditation – unterscheiden sich fundamental in ihrer Herangehensweise und ihren vermuteten Wirkmechanismen.

Die Studienqualität variierte ebenfalls beträchtlich. Während einige Untersuchungen hohe methodische Standards erfüllten, wiesen andere bedeutende Schwächen auf, etwa unzureichende Verblindung oder hohe Abbruchraten. Obwohl die Forscher diese Qualitätsunterschiede in ihrer Analyse berücksichtigten, können sie die Gesamtergebnisse dennoch beeinflusst haben.

Ein weiteres Problem ist die relativ kurze Nachbeobachtungszeit in den meisten Studien. Die meisten Interventionen dauerten nur wenige Wochen bis Monate, und die Langzeitwirkungen bleiben weitgehend unbekannt. Gerade bei Suchterkrankungen sind jedoch Rückfälle häufig, weshalb langfristige Daten entscheidend wären.

Die Definition und Messung von Internetsucht variierte zwischen den Studien erheblich. Verschiedene Fragebögen und Grenzwerte wurden verwendet, was die Vergleichbarkeit einschränkt. Zudem ist Internetsucht noch nicht einheitlich als Krankheitsbild definiert, was die Interpretation erschwert.

Kulturelle Faktoren könnten die Ergebnisse ebenfalls beeinflusst haben. Ein Teil der Studien stammte aus asiatischen Ländern, wo sowohl Internetsucht als auch Ansätze wie Meditation möglicherweise anders wahrgenommen werden als in westlichen Kulturen.

Schließlich ist unklar, wie nachhaltig die beobachteten Verbesserungen sind. Viele Teilnehmer könnten nach Ende der strukturierten Programme wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen, besonders wenn sie nicht gelernt haben, die Übungen selbstständig fortzusetzen.

Was bedeutet das für Sie?

Die Studienergebnisse bieten wichtige Erkenntnisse für Menschen, die mit problematischem Internetverhalten zu kämpfen haben. Zunächst ist beruhigend, dass nicht-medikamentöse Ansätze nachweislich helfen können. Dies ist besonders relevant, da viele Betroffene Hemmschwellen gegenüber psychiatrischen Behandlungen haben.

Die Dosis-Wirkungs-Analyse liefert konkrete Orientierungshilfen: Das Optimum liegt bei etwa 730 MET-Minuten pro Woche. Zur Einordnung: Das entspricht etwa 2,5 Stunden moderatem Walking (3-4 MET) täglich oder 1,5 Stunden intensiverem Training (6-8 MET) täglich. Diese Menge liegt deutlich über den üblichen Empfehlungen für die allgemeine Gesundheit (150 Minuten moderate Aktivität pro Woche), ist aber durchaus erreichbar.

Besonders interessant ist, dass mehr nicht immer besser ist. Die U-förmige Dosis-Wirkungs-Beziehung zeigt, dass sowohl zu wenig als auch zu viel körperliche Aktivität weniger wirksam sind als die optimale Dosis. Dies könnte daran liegen, dass übermäßiges Training zu Erschöpfung führt oder dass extrem hohe Trainingsumfänge selbst suchtähnliche Züge annehmen können.

Für die Praxis bedeutet dies: Wenn Sie Ihr Internetverhalten als problematisch empfinden, könnte ein strukturiertes Programm aus körperlicher Aktivität und mentalen Übungen hilfreich sein. Achtsamkeitsmeditation erwies sich als besonders wirksam – ein Ansatz, der relativ leicht erlernbar ist und keine spezielle Ausrüstung erfordert. Viele Apps und Online-Programme bieten Einführungen in Achtsamkeitstechniken.

Wichtig ist jedoch zu betonen: Diese Studie liefert keine Grundlage für Selbstdiagnose oder Selbstbehandlung. Wenn Sie glauben, unter Internetsucht zu leiden, sollten Sie professionelle Hilfe suchen. Ein Arzt oder Psychotherapeut kann beurteilen, ob tatsächlich eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt und welche Therapieansätze am besten geeignet sind.

Wissenschaftlicher Ausblick

Diese Übersichtsstudie öffnet mehrere wichtige Forschungsrichtungen. Zunächst sind Langzeitstudien dringend erforderlich, die untersuchen, ob die positiven Effekte körperlicher und geistiger Übungen auch über Monate und Jahre anhalten. Suchterkrankungen neigen zu chronischen Verläufen mit Rückfällen, weshalb nachhaltige Interventionen entscheidend sind.

Die Wirkmechanismen sind noch nicht vollständig verstanden. Warum hilft ausgerechnet Achtsamkeitsmeditation besonders gut? Führt sie zu besserer Impulskontrolle, reduziert sie Stress oder verändert sie die Aufmerksamkeitsregulation? Neurobiologische Studien könnten hier wichtige Erkenntnisse liefern.

Auch die optimale Kombination verschiedener Ansätze ist unklar. Ist die Kombination aus körperlicher Aktivität und Meditation wirksamer als jeder Ansatz allein? Welche Rolle spielen individuelle Präferenzen und Persönlichkeitsmerkmale bei der Wahl der besten Intervention?

Zukünftige Studien sollten auch präventive Ansätze untersuchen. Können körperliche und geistige Übungen das Entstehen einer Internetsucht verhindern? Dies wäre besonders für Jugendliche un

Quelle

Diese Zusammenfassung basiert auf: The intervention effect of physical and mental exercise on young adults internet addiction disorder: a systematic review and Bayesian model analysis., veröffentlicht in Frontiers in public health (2025).

→ Originalstudie auf PubMed (PMID: 41112661)